Manifeste & Appelle

Im Laufe der texttage.nürnberg sind viele neue Texte entstanden. Bei der ersten Ausgabe der texttage.nürnberg haben wir uns unter anderem einer ganz besonderen Textgattung gewidmet, die sich für die Meinungsäußerung sehr gut eignet: den Manifesten und Appellen.

Viele von Ihnen haben unserer Einladung gefolgt und haben uns einige Appelle eingeschickt. Hier publizieren wir drei davon, die sich um ein ähnliches Thema drehen. Weitere konnten auf dem textualienmarkt  gelesen und kommentieren werden.

© / Sebastian Herbst

Stoppt endlich den Pamperismus!

© / Sebastian Herbst

denn wir haben schon genug Ichlinge produziert!
von: Wilfried Christel

Ihr, junge Eltern, müsst in diesen Kampf einsteigen. Haltet einmal inne  und schaut euch eure Kleinen und euch im Spiegel an und ihr wisst Bescheid:

  • Ihr braucht nicht mit euren Kindern in langen Argumentationsreihen eure Entscheidungen diskutieren, wenn sie euch intellektuell noch gar nicht folgen können.
  • Lasst euch im Erwachsenengespräch doch nicht ständig von euren Kindern unterbrechen, um sofort auf sie einzugehen. Die müssen das „Es ist aber langweilig!“ alleine aushalten können.
  • Ihr müsst nicht gleich in Ohnmacht fallen vor Angst, wenn sich die Kleinen weh getan haben.
  • Ihr solltet euch ehrlich machen, dass euer Leon genauso ein böser Teufel sein kann wie der durchtriebene Nachbarsjunge Ben, der ihn angeblich so triezt.
  • Nicht jeder Kreidestrich eurer kleinen Clara ist ein Beweis für Hochbegabung.
  • Ihr müsst eure Kinder nicht wie Prinzen und Pinkprinzessinnen anziehen. Und warum überhaupt wieder dieses verdammte Pink?
  • Zu Festtagen müssen Kinder- und Wohnzimmer nicht in Fluten von Geschenken untergehen. Die Kindergeburtstagsfeier muss für die Eltern nicht zum hohen Herzinfarktrisiko führen.
  • Du brauchst deine Kinder beim Spielen draußen nicht ständig mit dem Smartphone kontrollieren. Absolute Sicherheit gibt es nicht, auch wenn ihr den Baum im Kindergarten wegen Versicherungsrisikos fällen lassen wollt.
  • Ihr müsst nicht mal schnell nach Paris fliegen, damit eure Kinder Disneyland sehen. Es gibt hier Mickey- Mouse- Hefte.
  • Wenn dein Kind das Essen verweigert, lass es hungern. Mach dich nicht zum Deppen und hole abends an der Tanke noch was Süßes.
  • Streicht die Rankings in euren Köpfen, wie eure Kinder im Vergleich mit anderen dastehen. Der Sinn des Lebens beginnt nicht durch den Eintritt ins Gymnasium.

 BESTEHT NICHT NUR AUS ELTERN-SEIN, SEID MÜNDIGE ERWACHSENE, DIE SICH BEDROHTER ZUKUNFT STELLEN

Ein Appell an euch Mütter: Werdet egoistisch!

von: Glücksheldin (@gluecks.heldin und Podcast Glücksheldin)

Mütter! Werdet egoistisch!

Mütter! Werdet euch eures Wertes bewusst!

Mütter! Lasst euch nicht ausbeuten!

Mütter! Übernehmt Verantwortung für euer Wohlergehen!

Mütter! Sagt, was ihr wollt und sorgt dafür dass ihr es bekommt!

Mütter! Ihr seid der Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft. Ohne euch keine Kinder, ohne euch keine funktionierende Familie, ohne euch keine Gesellschaft.

Ihr leistet so viel. Ihr seid die einfühlsame Mutter, die liebende Ehefrau, die taffe Geschäftsfrau, die fleißige Köchin, die effiziente Organisatorin. Euer Kopf ist voll mit Terminen eurer Kinder, mit To Do’s für eure Familie, mit Organisation, Haushalt, Job und Mann.

Mütter! Werdet euch des Wertes bewusst, den ihr für eure Familie und die Gesellschaft habt!

Ihr braucht dafür mehr als nur ein bisschen Kraft. Werdet euch bewusst, dass das absolut Wichtigste ist, dass es euch gut geht. NUR solange ihr gesund seid, könnt ihr diesen Job, der jeden Tag 24 Stunden einnimmt, erfüllen.

Mütter, übernehmt Verantwortung für euer Wohlergehen!

Macht Pausen! Tut euch etwas Gutes! Nehmt euch etwas von dem zurück, was ihr tagtäglich gebt! Sagt was ihr braucht und nehmt es euch!

Fordert ein, dass eure Arbeit honoriert wird! Erhebt euch und seid stolz darauf, Mutter zu sein!

Seid euren Kindern ein Vorbild!

Gebt nicht klein bei und werdet egoistisch, für eure Familie und für die Gesellschaft!

Für euer Glück, für euer Helden-Leben: @gluecks.heldin und Podcast Glücksheldin

Der Ponyhof ist doch kein Leben!

von Tobias Wildner

Vor einiger Zeit stellte ich ein paar Kinderklamotten meines Sohnes, die wir nicht mehr benötigten, auf der Internetplattform Mamikreisel zum Verkauf. Der für junge Väter nicht unbedingt einladende Name der Plattform war mir ziemlich egal. Ich registrierte mich, wie meistens, unter meinem Onlinepseudonym Maier Hans, freute mich, dass ich bei der Registrierung kein Geschlecht angeben musste, und lud die Fotos der Kleidungsstücke hoch. Nach relativ kurzer Zeit fand sich eine Käuferin. Ich war zufrieden und zog in Erwägung, die Plattform auch weiterhin zu nutzen. Wenig später bekam ich eine Nachricht mit der Bewertung durch die Käuferin: „Super Mami! Gerne wieder! JJ“ Zuerst fand ich das lustig, dann irritierend. Weder war ich so naiv zu glauben, dass die Kommunikation auf Internetverkaufsplattformen mit einer Face-to-face-Kommunikation gleichzusetzen war, noch so verstiegen, dass mich die Missachtung meiner Vaterschaft persönlich getroffen hätte. Dennoch sollte mich diese an Hans Maier adressierte Mami-Bewertung noch länger beschäftigen.

Die Ansprache ging auf eigentümliche Weise völlig an mir vorbei. Und das lag nicht daran, dass ich als Vater nicht wahrgenommen wurde (was ich aus anderen Situationen nur zu gut kannte), sondern vielmehr dass sich erwachsene Frauen plötzlich öffentlich als Mamis bezeichneten. Ich fühlte mich wie später in manchen Runden im Kindergarten oder auf dem Spielplatz mit den Müttern anderer Kinder: beobachtet, aber nicht gesehen. Ich stand mit im Kreis, versuchte meinen Teil zum Gespräch beizutragen, und dennoch fühlte ich mich nicht als Person adressiert. Noch nicht einmal als Vater. Ich war eben da und es war egal. Später, als ich in solcher Gesellschaft etwas entspannter war, fragte ich mich, ob die Kommunikation tatsächlich nur an mir vorbei geführt wurde oder ob der entscheidende Punkt die Kommunikation selbst war. Kinder, auch sehr kleine Kinder, kann man wunderbar mit einer persönlichen und ernstnehmenden Sprache ansprechen. Fragt man Experten, tut ihnen das sogar besser als die verniedlichende Pseudokindersprache, die sich vom Spielplatzrand aus trefflich betrachten lässt. Weitaus mehr beschäftigte mich jedoch meine Wahrnehmung, dass ein ähnlich beliebiges Geblubber scheinbar auch unter den Erwachsenen Einzug hielt. Ich habe ein wenig gebraucht, bis ich verinnerlicht hatte, dass wenn eine Mutter „Spieli“ zu mir sagt, sie den Spielplatz meint. Da wurde verniedlicht, was das Zeug hielt. Jedes Klischee wurde gefeiert. Produkttests bestätigt. Der immergleiche Elterndiskurs aus den einschlägigen Zeitschriften rauf und runter gedaddelt. Die Rettung des Planeten wurde an der Frage verhandelt, ob nun Pastinake oder Karotte das bessere Einstiegsgemüse sei. Geriet versehentlich mal jemand einen Babyfinger breit abseits der mit Flatterband gesicherten Trampelpfade, wurde dies sofort identifiziert und – mit deutlichem Verständnis und noch deutlicherer Abgrenzung – wieder eingefangen: Ah, das ist ja spannend, aber also bei uns … Ein heftig zustimmendes Nicken der anderen aus der Runde beendete das Gespräch in genau dem Moment, als ich zum ersten Mal an diesem Nachmittag vergaß, warum ich überhaupt hier war.

Das Verniedlichen, das ständige sich gegenseitige Bestätigen, dass man ja alles richtig mache, scheint wie ein Code zwischen Müttern und manchmal auch Vätern, um dem anderen zu sagen: Wir sind in einer gemeinsamen Peer-Group, ich weiß, dass auch du alles Menschenmögliche opferst, damit unsere Kinder optimal auf dieses bedrohliche Leben vorbereitet werden, und natürlich haben wir in unserer aktuellen Lebensphase kaum Zeit für uns, und dass wir uns dann auch noch Gedanken um Politik und Gesellschaft machen sollen, das kann nun wirklich niemand erwarten, na ja, natürlich ist der Klimawandel voll schlimm und unsere Beziehung, ne, also echt alles supi J. Ein zuckersüßes Rauschen, in das alle hineinsprechen, um es am Rauschen zu halten, von dem jedoch niemand mehr persönlich angesprochen wird. Der Deal ist, dass niemand vom anderen zu viel wissen muss und niemand dem anderen wehtut. Das schafft Sicherheit. Aber auch eine sehr stille Leere, wenn man den Kopf aus diesem Rauschen herauszieht.

Auf gelegentlichen Gartenpartys (die wegen der Kinder immer öfter gleich nach dem Abendessen beendet wurden) oder bei Einladungen zum Pärchen-Essen beschlich mich ein ähnliches Gefühl wie auf dem Spielplatz. Wieder fühlte ich mich beobachtet, aber nicht gesehen. Manche Paare waren nach Geburt des ersten Kindes schnell in die alten Muster ihrer eigenen Eltern zurückgefallen, über die sie kurz vorher noch gelacht hatten. Die Frau kümmerte sich von unserer Garderobe bis zum Pipimachen unserer Kinder um nahezu alles, der Mann gab den Gastgeber, bot uns kühle Getränke an und verbrachte ansonsten viel Zeit hinter seinem Weber-Grill oder der blankpolierten Espressomaschine (um die ich ihn als vegetarischer Kaffeefreund natürlich insgeheim beneidete). Andere Paare versuchten, ein sehr gleichberechtigtes Bild abzugeben. Wie viele Grundsatzdiskussionen und Aushandlungsmarathons einer solchen locker zur Schau getragenen Gleichberechtigung vorausgehen, das wissen meine Frau und ich aus eigener Erfahrung nur zu gut. Doch egal auf welcher Seite der Skala wir uns als Familien befinden, eines haben viele von uns gemeinsam: das angestrengte Bemühen sich zu inszenieren. Oft als perfektionierte Hochglanzvariante der Familie, die wir offenbar gerne sein möchten, wie atemberaubend individuell auch immer. Ein Anspruch, an dem man – als Eltern wie auch als Kinder – praktisch nur scheitern kann.

Natürlich sind wir unseren Gastgebern und neuen Bekannten per se wohlgesonnen. Wir blättern also mit interessierter Miene in dem uns hingestreckten Hochglanzprospekt und suchen nach Storys, über die es zu reden lohnt. Wie das bei bunten Magazinen zu sein pflegt, führt dies in aller Regel zu ohrenbetäubendem Smalltalk und sonst wenig. Ausgeklammert bleiben die ureigenen Themen, die Zweifel, Ängste und Unsicherheiten, die Hoffnungen und die Fragen, das Scheitern, die Visionen und die Träume, kurz all die Dinge, die das Leben erst zum Leben machen. Und warum zum Teufel stehe ich dann am Weber-Grill und unterhalte mich artig über fucking Weber-Grills? Ich merke, wie nun auch ich selbst die anderen beobachte, aber niemanden sehe. Die Familie auf ihrem Ponyhof hat drei, vier, fünf Individuen zu einer Einheit verschmolzen, deren Oberfläche so glatt ist, dass man allzu leicht abrutschen kann. Fragt man: Wie geht es Dir gerade?, bekommt man als Antwort: Uns geht es gut. Fragt man: Auf was hast Du mal wieder Lust?, heißt es: Die Kinder fahren gerade gern Laufrad. Fragt man: Was hältst Du von diesem oder jenem Thema?, lautet die Antwort: Da habe ich vor kurzem was dazu gelesen. Oder einfach: Mit den Kindern kommen wir echt zu gar nichts mehr. Wollt ihr noch einen alkoholfreien Caipi?

Liebe Mitmenschen gleichen Alters, vor wenigen Jahren wusste ich noch mehr von euch und euren Leidenschaften. Ich spürte eure Offenheit für Neues und eure Neugier auf das Leben. Manchmal auch dessen Gewicht. Lasst uns wieder mehr miteinander reden, von Person zu Person. Lassen wir uns aufeinander ein, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt. Fordert mich heraus, widersprecht mir. Und dann gehen wir zusammen auf den Spieli und hinterher noch auf ein Bier. Unsere Kinder sind schon mal vorgegangen.